Wer ausbildet, ist selber Schuld !

April 1st, 2005

Gestern konnte man folgende traurige Nachricht lesen:

Lage am Ausbildungsmarkt verschlimmert

Die Zahl der Lehrstellen ist in den ersten sechs Monaten des laufenden Ausbildungsjahres deutlich gesunken. Die IG Metall zeigte sich enttäuscht angesichts der Zwischenbilanz. (…)

Jetzt wird es wohl nicht lange dauern, bis wieder der Gesetzentwurf zur Ausbildungsplatzabgabe aus der Mottenkisten politischen Unsinns geholt wird, um damit die uneinsichtigen Unternehmen gehörig zu erschrecken. Schliesslich muss man dem Kapital endlich mal klar machen, dass es eine Verpflichtung zur Ausbildung hat. Schöner Nebeneffekt dabei: um die wirklichen Gründe für zu wenig Ausbildungsplätze braucht man sich dann nicht mehr zu kümmern…

Wo die u.a. liegen könnten, zeigt ein aktuelles Beispiel aus der Reihe “Berufsausbildung und das deutsche Rechtssystem” – schön dokumentiert in den Lichtenrader Notizen (nein, kein April-Scherz!):

SMS vom Azubi an den Gebäudereinigungsmeister:

“DU BIST EIN HURENSOHN UND DEINE FRAU DIE FICK ICH AUCH”

Die darauf folgende fristlose Kündigung ist nach Ansicht des Arbeitsgerichts Iserlohn im Urteil vom 08.02.2005 – 2 Ca 2797/04 – nicht wirksam gemäß § 15 Absatz 2 Ziffer 1 BBiG (sinngemäß: Arbeitgeber darf aus einem wichtigen Grund fristlos kündigen) erklärt worden. Die Weiterbeschäftigung wurde antragsgemäß angeordnet.

Natürlich haben die Herren Richter – sozial voll abgesichert und mit Pensionanspruch versehen – eine juristisch einwandfreie Begründung für ihr Urteil:

Der Arbeitgeber habe im Rahmen des Ausbildungsverhältnisses auch in erzieherischer und insbesondere auch charakterlich fortbildender Weise auf den jungen Auszubildenden einzuwirken und ihn nicht nur zu beschäftigen.

Im Gebäudereinigerhandwerk herrsche eben ein rauer Ton – der sei anders als der in den Geschäftsräumen einer Bank.

Der Auszubildende sei im konkreten Fall nicht gerade besonders begabt, wie sich aus seinen Noten ergebe.

Passender Kommentar dazu vom Lichtenrader Blogger (selbst Rechtsanwalt):

Dumme Azubis dürfen im Handwerk frech beleidigen, denn im Zweifelsfall wurden sie vom Meister in der Ausbildung nicht hinreichend erzogen und charakterlich fortgebildet. Da muss er sich schon mal deftig beleidigen lassen.

Wird diese absonderliche Ansicht demnächst auch auf Diebstähle, Unterschlagungen und Körperverletzungen angewendet, weil dem Azubi nur die Rechtsordnung im Ausbildungsverhältnis nicht genügend nahe gebracht wurde?

Eine interessante Frage und ich bezweifle, dass die Ausbildungsplatzabgabe darauf die passende Antwort ist !?

(via Udo Vetter)

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