Alle Mann von Bord…

November 25th, 2004

Was macht der starke Staat, wenn er Langeweile hat ? Dann beglückt er seine Untertanen mit neuen Gesetzen und Verordnungen. Doch leider gibt es dabei ein großes Problem: die wirklich wichtigen Dinge sind fast alle schon lange geregelt ! Und so müssen sich Bürokraten heutzutage häufig mit neuen Vorschriften begnügen, die eigentlich unnötig sind, denn offensichtlich ist man ja all die Jahrzehnte vorher, prima ohne sie ausgekommen.

Aktuelles Beispiel dafür: die Bundesregierung will künftig allen Schiffen auf deutschen Flüssen, die Personen befördern, vorschreiben, dass sie Rettungsmittel für ihre Passagiere mitzuführen haben. Analog zu Hochseeschiffen, sollen demnächst auch Ausflugsdampfer auf dem Rhein aufblasbare Rettungsinseln dabei haben.

Schöne Idee und sehr typisch für den starken Staat ! Ihm geht es hier natürlich nur darum, seiner Fürsorgepflicht gegenüber dem schutzbedürftigen Bürger nachzukommen. Was sollte also gegen so eine Vorschrift sprechen ?

Eigentlich nix – abgesehen davon, dass sie absoluter Blödsinn wäre…

Denn anders als Hochseeschiffe – bei denen dies aus gutem Grund schon seit Ewigkeiten vorgeschrieben ist – sind Schiffe auf Flüssen eben nicht auf hoher See. Das rettende Ufer ist nicht meilenweit entfernt, sondern gleich neben an. Ausserdem sind viele Flüsse so seicht, dass die fraglichen Schiffe gar nicht versinken, sondern höchstens auf Grund laufen können.

Wenn man das so liest, wird jedem normalen Menschen schnell klar, warum eine solche Vorschrift bisher wenig vermisst wurde, oder ?

Doch die zuständigen Herrschaften im Bundesverkehrsministerium zeigten sich von solchen Argumente gänzlich unbeeindruckt. Sie ordneten stattdessen die Test-Evakuierung eines treibenden Schiffes an, um so eindeutig zu belegen, wie sinnvoll ihre Rettungsflöße in der Praxis sind. Das gelang ihnen auch – allerdings nicht ganz so, wie geplant. Denn das zuständige Wasser-und Schifffahrtsamt weigerte sich, einen solchen Versuch durchzuführen. Begründung: Das Aussetzen von nicht steuerbaren Flößen auf engen, dicht befahrenen Flüssen wäre lebensgefährlich. Denn, anders als auf dem Meer, besteht hier die große Gefahr, dass solche Flöße abtreiben und mit anderen Schiffen kollidieren.

Mit dem Test – oder besser, mit der Nichtdurchführung desselben – hatte man also das genaue Gegenteil vom ursprünglichen Ziel erreicht: man hatte eindeutig gezeigt, dass die Idee in der Praxis noch unsinniger ist, als in der Theorie.

Aber von solchen Rückschlägen lässt sich ein deutscher Bürokrat freilich nicht entmutigen. Stattdessen wurde nun auf Steuerzahlerkosten eine Studie in Auftrag gegeben. Die kam jedoch auch nicht zum gewünschten Ergebnis. Genau genommen, kamen die Autoren der Studie zu gar keinem Ergebnis, da sie nicht genug Daten finden konnten, um endgültige Aussagen über Nutzen und Kosten der fraglichen Rettungsinseln treffen zu können. Grund: die Unfallhäufigkeit in der Personenbinnenschifffahrt ist dafür einfach zu gering !!

Jedoch auch dies hat Rot-Grün bisher nicht überzeugen können. Kleinigkeiten wie die Sinnfrage scheinen dort niemanden davon abzuhalten, den schönen Traum von Rettungsflößen auf Rheinschiffen bald Realität werden zu lassen.

Und da der Rhein ein internationaler Fluss ist, würde eine solche Regelung demnächst als EU-Richtlinie auch auf allen anderen europäischen Fließgewässern gelten. So hätte man eine unsinnige Vorschrift mehr aus Brüssel, die in Frankreich oder Italien wohl einfach kopfschüttelnd ignoriert würde, während die zuständigen deutschen Ämter sie mit viel Liebe zum Detail umsetzen dürften.

Absehbare Folge: genauso hohe, wie unnötige Kosten für die betroffenen Unternehmen, die teilweise ihre Schiffe komplett umbauen müssten. Auch könnten dann weniger Passagiere befördert werden, was zu zusätzlichen Belastungen in Form von Umsatzausfällen führen wird. Am Ende dürfte dadurch so manche kleinere Reederei zur Aufgabe gezwungen werden und der eine oder andere Arbeitsplatz im brackigen Flusswasser versinken…

Tja, bleibt nur noch eine Frage: Warum eigentlich ?

Welchen Grund könnte es dafür geben, dass jemand im Bundesverkehrsministerium soviel Energie – und Steuermittel ! – darauf verschwendet, etwas durchzusetzen, was offensichtlich keinen Sinn macht !?

Wirklich nur, um die Langeweile zu vertreiben ??

Artikel zum Thema bei Spiegel Online

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3 comments on “Alle Mann von Bord…”

  1. 01

    Es gibt nur einen Grund:
    Die Behörden schaffen sich künstlich Aufgaben und sie lassen sich fürstlich bezahlen.
    Das passiert so nur im europäisch harmonisierten Deutschland.

    Und hier der nächste Unsinn von gleicher Genialität:

    und

    Konrad Vogeler
    und

    Konrad Vogeler at January 28th, 2005 around 10:37
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  2. 02

    pausenlose Fortsetzung dieses Unsinns und Kampf um die Arbeitsplatzsicherheit in deutschen Amtstuben:

    http://www.jar-contra.de

    Rolf Schneider at August 12th, 2005 around 10:30
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  3. 03

    arbeitsamt = der bessere begriff als neudeutsch agentur für arbeit! behördenmenschen in einer agentur! LACH!

    aufgemerkelt at January 5th, 2006 around 04:07
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