Same Procedure as last Year ?

September 29th, 2004

In der aktuellen Hektik fliegen ständig neue Schlagzeilen an einem vorbei und kaum hat man die eine so halb verdaut, kommt auch schon die nächste. Verständlich, dass man sich in so einer Situation heute kaum noch daran erinnern kann, worüber gestern geschrieben wurde.

Eigentlich schade, denn es kann ganz aufschlussreich sein, sich einmal Überschriften im längeren zeitlichen Verlauf anzusehen – wie dieses Beispiel zeigt:

…und schliesslich heute…

  • 2004: Eichel macht 2004 Rekordschulden
    (Netzeitung, 29. Sep 2004)

    Bundesfinanzminister Hans Eichel wird 2004 mit einem Rekorddefizit beenden. Aus Regierungskreisen verlautete, dass Haushaltsexperten mittlerweile von bis zu 44 Milliarden Euro neuen Schulden ausgehen. Die Neuverschuldung 2004 könnte damit auf über vier Prozent steigen.

So, jetzt vergessen Sie am besten wieder alles und merken sich nur eines…

…im nächsten Jahr wird alles besser ! Versprochen !! ;-)

Staatsfinanzen | Comments Jump to the top of this page

4 comments on “Same Procedure as last Year ?”

  1. 01

    Zwei Bemerkungen:
    1. Dass die jährliche Neuverschuldung absolut betrachtet zunimmt, halte ich angesichts einer mehr oder minder wachsenden Wirtschaft für eher natürlich und in keiner zwingenden Weise für bedenklich. Realisiert Eichel denn relativ zum BSP betrachtet ein “Rekorddefizit”? Das ist doch die relevante Frage.
    2. Mein Eindruck ist, die BRD hat eher prozyklische Haushaltspolitik betrieben. Provozierend könnte man auch sagen, Eichel hat angesichts der angespannten konjunkturellen Lage der vergangenen drei Jahre zu sehr gespart. Die USA haben beispielsweise im gleichen Zeitraum wesentlich mutigere stabilisierungspolitische Maßnahmen ergriffen.

    aho at October 7th, 2004 around 02:22
    Jump to the top of this page
  2. 02

    zu 1.: Es steigt sowohl absolut, als auch relativ: von 3,5 über 3,7 auf inzwischen über 4% ! Also auch hier ist Eichel kräftig auf Rekordkurs…

    zu 2.: In den USA hat man (Clinton) in den Boomjahren kräftig gespart und damit ein Budgetüberschuss angehäuft. Als dann die Krise da war, konnte Bush prima Geld ausgeben (was er allerdings leider ein wenig übertrieben hat).

    Da bei uns der Staat inzwischen generell über seine Verhältnisse lebt, steht er auch generell unter einem (faktisch eher theoretischen) Sparzwang. Dieses chronische Haushaltschaos wirkt in Krisenzeiten dann mehr oder weniger automatisch prozyklisch…

    Bjoern at October 7th, 2004 around 07:08
    Jump to the top of this page
  3. 03

    Björn,
    ad 1.: Das ist wohl ein Missverständnis. Dass das Haushaltsdefizit relativ betrachtet in den letzten drei gestiegen ist, ist unstrittig. Ob die fast 4 Prozent dieses Jahr allerdings ein “Rekordniveau” markieren, ist die Frage. Schon 1991 und 1993 betrug die Defizitquote knapp 4 Prozent. Ob Eichel weiter auf “Rekordkurs” bleibt, ist rein spekulativ. (In konjunkturell besseren Zeiten nannte man ihn immerhin den Sparfuchs.)

    ad 2.: Clinton hat in den Boomjahren Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet. Die kann man aber nicht anhäufen, wie Du schreibst. Was gehäuft wird, ist die Staatsschuld, und die war auch nach und trotz Clinton noch beträchtlich. Dass Bush also “prima Geld ausgeben” konnte, folgt daraus keineswegs. Bush hat es einfach gemacht. (Und wenn ich mich recht entsinne, liegt das Haushaltsdefizit in den USA derzeit so um 5 Prozent des BSP!) Unter den Ökonomen der USA ist auch weniger umstritten, dass er es gemacht hat, als vielmehr wie es gemacht hat. An der Sinnhaftigkeit stabilisierender (d.h. antizyklischer) Fiskalpolitik zweifeln dort die wenigsten.

    Schließlich: Was das “chronische Haushaltschaos” anbetrifft, sollte man bedenken, dass auch die Bundesländer einen enormen Anteil (etwa 40 Prozent) daran tragen.

    aho at October 7th, 2004 around 11:45
    Jump to the top of this page
  4. 04

    zu 1: Rekord hin oder her – darum ging es mir eigentlich gar nicht. Das stand nur zufällig in den zitierten Texten. Ich fand es vielmehr ganz interessant, den Verlauf der Schlagzeilen zu Beginn jeden Herbstes mal zu dokumentieren. Irgendwie ist die Botschaft immer die gleiche: “dieses Jahr war schlimmer als erwartet… mag sein… aber nächstes Jahr, da wird alles besser…”. Das Eichel dafür nicht allein die Verantwortung trägt, brauchen wir nicht lange diskutieren.

    zu 2: Okay, angehäuft mag nicht das passende Wort sein. Und Bush hätte seine Buddies natürlich auch ohne Überschüsse kräftig versorgt. Aber sich in guten Zeiten durch intelligentes Sparen und nötige Reformen Spielraum für dürre Jahre zu verschaffen, hätte uns trotzdem nicht geschadet.

    Wie auch immer. Ich denke mal, wir sind uns beide darin einig, dass kurzfristige Defizite in Krisenzeiten nicht übermäßig problematisch sind. Allerdings lösen die halt keine unserer Strukturprobleme und das ist für mich der eigentliche Ärger…

    Bjoern at October 8th, 2004 around 01:11
    Jump to the top of this page