Gibt es eigentlich eine DIN-Norm für Presseclubs und politische Talkshows ?

August 2nd, 2004

Gestern Mittag, 12:00 Uhr – im Fernsehen läuft der Presseclub. 5 Männer und 1 Frau diskutieren mehr oder weniger engagiert das Thema…

“Rente, Gesundheit, Kündigungsschutz. Wer schafft endlich Klarheit?”

… und während ich diesen Vertretern renommierter deutscher Medien bei ihrem Treiben so zu sehe, wird mir wieder einmal klar, dass ich das Alles schon tausend Mal gesehen habe, denn irgendwie ist der Ablauf immer der gleiche.

Zunächst werden die verschiedenen politischen Optionen isoliert und zusammenhanglos vorgestellt, Vor- und Nachteile erwogen und schliesslich als unzureichend und/oder nicht durchsetzbar verworfen. Das sieht dann ungefähr so aus:

  • Sicher, bei der Rente müsste man dringend was machen. Aber da traut sich eh keiner ran.

  • Klar, die verschwenderischen Verwaltungskosten der Krankenkassen und die überhöhten Preise der Pharma-Konzerne sollte man senken. Aber das würde die Strukturprobleme auch nicht lösen.

  • Und natürlich sorgen Kündigungsschutz und übertriebene Bürokratie dafür, dass Millionen keinen Arbeitsplatz finden. Aber da etwas zu ändern, würde doch nur Sinn machen, wenn man 100% garantieren könnte, dass dies die Arbeitslosigkeit auf 0 bringen würde – und was ist heute schon 100% sicher ? Eben !
Aber wären nicht vielleicht alle Maßnahmen zusammen, integriert in einem durchdachten, umfassenden Konzept, die richtige Antwort ?

Dänemark hat auf diese Weise seine Probleme gelöst, wirft einer kurz ein. Aber mit Deutschland ist das nicht vergleichbar! Warum? Diese Frage scheint sich nicht zu stellen.

Stattdessen verpasst man einer solchen Idee das irgendwie negativ besetzte Label “Masterplan” und verweist diesen dann umgehend ins Reich der Mythen & Legenden.

Sowieso nicht durchsetzbar… und überhaupt…

Folgerichtig verzichtet man auch darauf, einen solchen Masterplan von der Politik einzufordern. Wer es trotzdem tut, zeigt nur, wie wenig Ahnung er hat und ein solcher Faux-pas unterläuft den anwesenden “Star-Journalisten” selbstverständlich nicht!

Nein, nein, die plädieren lieber für das Aussprechen von sogenannten “unangenehmen Wahrheiten” und konfrontieren den armen Zuschauer so dann mit ihrer fatalistischen Sicht der Dinge – Marc Beise von der Sueddeutschen:

“Wir müssen uns darauf einstellen, dass es weiter bergab geht und dass wir in Zukunft weniger haben werden als heute! Es geht jetzt allenfalls noch darum, wieviel weniger das sein wird…”

Tja, so ist das halt ! Früher – ja da hätte man noch was machen können. Aber heute nicht mehr. Zu spät. Ganz ehrlich, das braucht man gar nicht erst probieren.

Zugegeben, das Gleiche hat man damals, als früher noch heute war, auch schon gesagt. Aber da war’s falsch und heute ist’s richtig…

Und so nähert sich die Sendung langsam, aber sicher ihrem wohlverdienten Ende.

Alle Beteiligten haben wieder einmal eindrucksvoll ihre enorme Fachkompetenz unter Beweis gestellt und dabei dem Zuschauer die Hoffnungslosigkeit seiner Existenz klar vor Augen geführt. Was will man mehr ?

Zeit für die Schlussworte.

Nun klopft man sich noch schnell selbst auf die Schultern, versichert sich der gegenseitigen Hochachtung (trotz aller nicht vorhandenen Kontroversen) und schon ist wieder alles vorbei.

In der nächsten Woche wird man sich dann einer anderen drängenden Frage unserer Zeit annehmen:

“Warum sind die Deutschen bloss so pessimistisch ?”

Ein echtes Mysterium und ich fürchte, dass man auch darauf – trotz aller Kompetenz – keine klare Antwort finden wird…

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One comment on “Gibt es eigentlich eine DIN-Norm für Presseclubs und politische Talkshows ?”

  1. 01

    Eine rationelle Diskussion ist nur zwischen zwei Teilnehmern möglich. So mehr Teilnehmer mitmachen desto weniger kann man daraus gewinnen.

    bitter_twisted at August 3rd, 2004 around 04:38
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