Stille Post gibt es nicht nur auf Kindergeburtstagen…

June 30th, 2004

In Alexander Svenssons Wortfeld findet sich ein “schönes” Beispiel dafür, wie stille Post im Internet-Zeitalter funktionieren kann:

  1. Alles beginnt mit einem Artikel von Alice Schwarzer zum Folterskandal im Irak. Darin findet sich gleich im ersten Absatz folgende Formulierung:
    “Das zweite Foto zeigt einen nackten Menschenhaufen, der uns an KZ-Bilder erinnert…”

    Zugegeben, der Vergleich ist extrem unpassend! Aber er bleibt der einzige Ausrutscher dieser Art. Auch geht es in dem Artikel nicht, wie man leicht vermuten könnte, um die übliche Generalkritik an den USA. Vielmehr untersucht die Autorin die Rolle von Frauen bei den Vorgängen, die zu den beschriebenen Bildern geführt haben – ein typisches Schwarzer Thema sozusagen…

  2. Das ist David Kaspar, dem selbsternannten Wächter über die deutsche Medien, aber vermutlich zu langweilig. Deshalb zimmert er sich aus dem einen fragwürdigen Halbsatz eine Story, die für seine rechtskonservative, englischsprachige Zielgruppe etwas leichter verdaulich ist. Allerdings muss er dafür die Botschaft von Alice Schwarzer ein wenig “uminterpretieren” und so sieht sich der erstaunte Leser plötzlich folgenden Zeilen gegenüber:
    “Es geht hier um nichts Geringes: es geht um die Revision der deutschen Geschichte. Auschwitz, Bergen-Belsen, Theresienstadt, Dachau – alle in einer Liga mit Abu Ghraib…”

    Tja, irgendwie hat das nun so überhaupt gar nichts mehr mit dem ursprünglichen Text zu tun! Nur warum sollte dies jemanden stören, wenn dadurch die eigenen Vorurteile doch so herrlich bequem bedient werden?

  3. Das denkt sich wohl auch Mr. Buzzmachine Jeff Jarvis und serviert diesen abstrusen Wortmüll bereitwillig seinen bedauernswerten Lesern.

  4. Darunter auch der Rechtsaussen-Blogger Glenn “Instapundit” Reynolds. Der treibt die ganze Sache schliesslich auf die Spitze und zaubert aus den feministischen Gedankengängen einer einzelnen Person einfach mal so eben eine faschistoide Botschaft der gesamten deutschen Presse an die Welt:
    “GERMAN MEDIA: Hey, the holocaust wasn’t all that bad! Look what the Americans did in Abu Ghraib!”

    Mission accomplished…


Dass keiner der drei Herren den ursprünglichen Artikel gelesen – geschweige denn verstanden – hat, dürfte sich wohl von selbst verstehen. Aber wozu auch: Fakten stören nur, wenn es um die Vermittlung der reinen Lehre geht…

Leider scheint ein solches Vorgehen für viele in den USA heutzutage keine Ausnahme mehr zu sein – ganz im Gegenteil!

Wer einmal sehen will, wie rechtslastige amerikanische Medien inzwischen ganz selbstverständlich ihre seltsamen Traumdeutungen als Realität verkaufen, für den habe ich einen sehr interessanten Literaturtipp:

Al Franken: Lies and the Lying Liars Who Tell Them. A Fair and Balanced Look at the Right

Wenn auch nur ein kleiner Teil von dem was Al Franken in diesem Buch schreibt, den Tatsachen entsprechen sollte, dann bleibt mir echt langsam mein Freedom Toast im Halse stecken !

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