Fakten, Fakten, Fakten – am Beispiel amerikanische Verhältnisse

May 18th, 2004

Nach den turbulenten ersten Monaten dieses Jahres scheint gerade irgendwie ein bisschen Ruhe eingekehrt zu sein. Grosse Reformen sind fürs erste vertagt und rausgemobbt werden muss anscheinend auch gerade niemand.

Vielleicht ein guter Zeitpunkt, um sich mal wieder ein wenig mit Realitäten und Fakten zu beschäftigen, z.B. zum Thema die bösen, bösen “amerikanischen Verhältnisse” !?

Wenn deutsche Politiker mal so richtig den Teufel an die Wand malen wollen, dann prophezeien sie das Heraufziehen amerikanischer Verhältnisse und jeder antwortet darauf sofort reflexartig, dass man dies nun ganz sicher nicht wolle. Aber weiss von denen eigentlich jemand, was genau amerikanischer Verhältnisse sind ?

Vor einiger Zeit hatte die Wirtschaftswoche in einem sehr ausführlichen und lesenswerten Artikel einmal objektiv amerikanische mit deutschen Verhältnissen verglichen und kam dabei zu ganz erstaunlichen Ergebnissen. Hier einige der wichtigsten Erkenntnisse im Schnelldurchlauf:

1. USA – das Land wo Hire and Fire wüten…

  • Das Risiko für einen amerikanischen Arbeitnehmer, binnen 3 Jahren seinen Job zu verlieren, beträgt kaum mehr als 10%.
  • Nur jeder 8. amerikanische Arbeitslose benötigte im Rezessionsjahr 2001 länger als 6 Monate, um einen neuen Job zu finden.
  • In Deutschland hingegen waren selbst im Boomjahr 2000 zwei Drittel der Arbeitslosen länger als ein halbes Jahr auf der Suche.
In den USA verliert man zwar schnell seine Arbeit, findet dafür aber auch recht fix wieder neue. In Deutschland hingegen ist man recht gut vor Kündigung geschützt, wenn es einen aber trifft, dann dauert es ewig, bis man einen neuen Job findet. Viele schleppen sich da lieber direkt über die Arbeitslosenhilfe in die Rente…

2. Nur durch Arbeitszeitverkürzung entstehen neue Arbeitsplätze…

  • Die Produktivität je Erwerbstätigenstunde wächst in Amerika nun schon im achten Jahr in Folge stärker als in Deutschland
  • Obwohl die durchschnittliche Jahresarbeitszeit der Amerikaner seit 25 Jahren so gut wie unverändert ist, sind in diesem Zeitraum netto rund 40 Millionen Arbeitsplätze entstanden.
  • Hätte die Beschäftigung in Deutschland zwischen 1991 und 2002 mit gleich hohen Zuwachsraten zugenommen wie in den USA, würde es heute zusätzliche Jobs für 7,6 Millionen Deutsche geben.
Der DGB erzählt uns seit Jahrzehnten, dass die Arbeit immer weniger wird und sie deshalb anders verteilt werden muss. Ihr Rezept: wenn alle weniger arbeiten (bei gleichem Lohn, versteht sich), entstehen wie von Zauberhand neue Arbeitsplätze. Das Ergebnis: statt 7,6 Millionen neuer Jobs gibt es bald 5 Millionen Arbeitslose…

3. Neue Jobs gibt es in den USA nur bei McDonalds an der Fritteuse…

  • In Positionen, die typischerweise im unteren Einkommensdrittel angesiedelt sind, ist die Beschäftigung in den USA zwischen 1989 und 2000 um 17 Prozent gestiegen.

  • Weit stärker, nämlich um 28 Prozent, hat die Beschäftigung im obersten Einkommensdrittel zugenommen.
  • Von den netto 17,3 Millionen Arbeitsplätzen, die von 1989 bis 2000 entstanden, entfielen 10,2 Millionen – also fast 60 Prozent – auf derartige „Teuer-Jobs“.
Am Ende des Booms der Neunziger Jahre hatten die USA so wieder eine echte Phase der Vollbeschäftigung in allen Bereichen erreicht. Zur gleichen Zeit freuten wir uns schon darüber, dass bei uns die Arbeitslosigkeit wenigstens nicht weiter anstieg. Vollbeschäftigung ? Geht doch gar nicht ! Oder doch ?

4. Trotzdem brauchen die Amis aber 2 oder 3 Jobs, um über die Runden zu kommen…

  • Im Jahr 2002 hatten nicht mehr als 5,3 Prozent der amerikanischen Erwerbstätigen zwei oder mehr Jobs.

  • In Deutschland lag dieser Anteil der amtlichen Statistik zufolge zwar mit 1,9 Prozent deutlich niedriger – nur arbeiten hier mehr Menschen schwarz.
  • Denn die deutsche Schattenwirtschaft ist nach Berechnungen des Linzer Ökonomen Friedrich Schneider mit gut 16 Prozent der offiziell ausgewiesenen Wirtschaftsleistung fast doppelt so groß wie in den USA.
Während also in den USA so mancher einen zweiten, allerdings legalen Job braucht, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, schicken wir viele in die Illegalität, um über die Runden zu kommen. Was ist besser ? Bekämpft man dann allein die Schwarzarbeit, ohne vorher die Probleme, die zur Schwarzarbeit geführt haben, zu lösen, nimmt man diesen Leuten am Ende vermutlich jede Möglichkeit ohne Geld vom Staat zu existieren… Ist das sozialer ??

5. Aber wir haben das bessere Bildungssystem und ein Studium können sich drüben nur die Reichen leisten…

  • Der Anteil der 25- bis 64-Jährigen, die eine akademische Ausbildung vorweisen können, liegt in den USA um gut 60 Prozent höher als in Deutschland.

  • In Deutschland haben sich die Sozialdemokraten das vermeintlich ehrgeizige Ziel gesetzt, die Studierendenquote je Jahrgang von 35 auf 40 Prozent zu erhöhen.
  • Der Anteil der High-School-Absolventen, die aufs College wechseln, erreicht in Amerika mehr als 65 Prozent. Selbst beim einkommensschwächsten Fünftel der Familien liegt die Quote bei 44 Prozent.
Wenn dann auch noch die Bundesbildungsministerin den geforderten Wettbewerb zwischen Hochschulen mit einem Preisausschreiben verwechselt (Hauptgewinn: 5 x Eliteuni – sowie diverse Trostpreise), kann man sich leicht vorstellen, dass es neben der quantitativen auch eine qualitative Lücke gibt. Wann wird die geschlossen ? Vielleicht kurz nachdem eine der nächsten PISA-Studien deutsche Schulen wieder vor amerikanischen High-Schools sieht ??

Natürlich liegt in den USA auch so einiges im Argen. Aber vieles von dem, was hierzulande sehr lange, sehr viel besser war, ist inzwischen dabei sehr viel schlechter zu werden.

Gleichzeitig sind viele unserer Politiker so sehr damit beschäftigt, sich über amerikanische Verhältnisse aufzuregen, dass ihnen anscheinend kaum Zeit bleibt, die Realitäten so zu sehen, wie sie sind… Schade eigentlich…

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