Fachkompetenz als Ausschlusskriterium !?

March 9th, 2004

Dass das Amt des Bundespräsidenten im Mai nicht schon wieder als Trostpreis, Feierabendheim oder Endlager für Polit-Altlasten missbraucht wird, war eine der besten Nachrichten der letzten Woche. Wolfgang Schäuble wäre so ziemlich der Letzte gewesen, den ich in diesem Amt hätte sehen wollen.

Von Horst Köhler weiss ich zwar leider noch nicht all zu viel, aber er ist mit Sicherheit die bessere Wahl. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er von aussen kommt und sich vielleicht mehr dafür interessiert, was für Reformen notwendig sind, anstatt ständig zu fragen, was im Sumpf der verschiedenen Interessengruppen noch durchsetzbar ist.

Das so ein Outsider auf viel Kritik stößt, ist vermutlich ganz normal. Aber geradezu grotesk finde ich es, dass so mancher Kritiker anscheinend der Meinung ist, Köhler wäre deshalb nicht für den Job geeignet, weil er irgendwie zu viel Fachkompetenz im Bereich Wirtschafts- und Finanzpolitik besitzt !?

Robert Leicht hat dazu nun einen recht treffenden Kommentar auf Zeit.de geschrieben:

“Ökonomie ist nicht alles…

(…) Wie weit das Gemüt und die republikanischen Aussprache von Horst Köhler reichen, das möchte ich schon auch noch erfahren. Aber ich lehne es ab, darüber eine nur negative Prognose zu erstellen, weil der Mann etwas von Wirtschafts-, Finanz- und damit ja auch etwas von Sozialpolitik (und deren Voraussetzungen) versteht – und davon, wie einem wirklich einsichtige Leute versichern, mehr als alle amtierenden und viele amtiert habende Politiker.

Wer allein dieses für einen Nachteil hält, ja sozusagen für einen Charakterfehler, der gibt nur eines zu erkennen. Ein politische Einstellung, die vorweg eingesteht, dass sie im Lichte des ökonomischen Sachverstandes nicht aufrechtzuerhalten ist. Wie gesagt: Sachverstand ist nicht alles, Ökonomie auch nicht. Aber vielleicht hat es diesem Lande und seiner Politik schon seit langem geschadet, dass man – mehr aus Vorurteil, ja aus Ressentiment, jedenfalls nicht aus Wissen, ja gar aus besserem Wissen – Ökonomie im schlimmsten Falle für Teufelszeug, im harmlosesten aber für Fachidiotie hielt. (…)”

Es zeugt schon von einer gewissen Ironie der Geschichte, wenn ausgerechnet in einem Land, in dem ein inkompetenter Deutsch-Lehrer als Finanzminister einen Bock nach dem anderen schiessen kann, Finanzexperten die Qualifikation abgesprochen wird, Staatsoberhaupt zu werden !?

Obwohl – wirklich verwunderlich ist so eine Haltung nun auch wieder nicht, denn wer weiss: wenn das einreisst, wird womöglich eines Tages erwartet, dass auch wirklich wichtige Ämter mit fachlich kompetenten Personen besetzt werden !!

Für unsere Berliner Polit-Dilettanten vermutlich eine reichlich gruselige Vorstellung, oder ?

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