Vorsicht mit den Steinen im Glashaus

January 23rd, 2004

In Düsseldorf stehen zur Zeit ein paar Leute vor Gericht, weil Staatsanwälte der Meinung sind, darüber entscheiden zu können, wieviel die Eigentümer einer Firma jemandem zahlen dürfen, der ihnen Milliarden-Summen an Gewinnen beschert hat. Was angemessen wäre, wissen sie vermutlich auch nicht, aber sie wissen, wann es zuviel ist. Und 30 Mio. DM für Herrn Esser finden sie deutlich zuviel.

Zugegeben, 30 Mio. DM sind eine Menge Geld – zumindest dann, wenn man es mit dem Durchschnittslohn eines einfachen Arbeiters mit 37,5 Stunden-Woche vergleicht. Verglichen mit dem Jahresgehalt von Leuten wie Michael Schumacher oder Günter Jauch schaut das jedoch nicht mehr ganz so abstrus viel aus – vor allem wenn man es dann auch noch in Bezug zur jeweiligen Leistung setzt.

Aber egal, wen interessieren schon realistische Einschätzungen, wenn man ein schönes Thema für populistische Äußerungen in einer Neidgesellschaft wittert. Und so können sich auch die Vertreter unserer politischen Klasse nicht zurückhalten – sie sehen sich mal wieder gezwungen, ihrer tief empfundenen Abscheu und Empörung Ausdruck zu verleihen (aus Spiegel Online):

“SPD-Generalsekretär Olaf Scholz sprach am Donnerstag in Berlin von “unglaublicher Arroganz” und dem “Zynismus hoch dotierter Manager”. Ackermanns Standpunkt, die Millionen-Prämien für Esser und sein Team seien eine außergewöhnliche Anerkennung für eine außergewöhnliche Leistung gewesen, belege nur, wie weit der Realitätsverlust der Angeklagten vorangeschritten sei, sagte Scholz.

Ackermann und seinen Kollegen fehle offenbar jeder Bezug zu den Menschen im Lande. “Sie vertiefen die Gräben in der Gesellschaft.” Es gehe bei dem Prozess auch um Moral.(…)”

Natürlich ist Herr Scholz mit dieser Ansicht nicht allein. Auch Vertreter der CDU werden mit ganz ähnlichen Worten zitiert und man merkt deutlich wie schrecklich angewidert sie sind, ob einer solchen Unverschämtheit.

Allerdings wirkt das kräftige Schwingen mit der Moralkeule doch extrem scheinheilig, wenn man sich klar macht, dass die gleichen Leute…

  • …der Oma im Altersheim von ihren 50 Euro Taschengeld einen grossen Teil für Medizin-Zuzahlungen wegnehmen, während sie sich selbst mit speziellen Ausnahmeregelungen so lästige Dinge wie die Praxisgebühr weitgehend ersparen.

  • …zum ersten und sicherlich nicht letzten Mal staatliche Renten effektiv gekürzt haben, während sie selbst nach ein paar Jahren und ohne etwas dafür einzuzahlen, Pensionsansprüche erwerben, für die normale “Menschen im Lande” über 150 Jahre überhöhte Beiträge zahlen müssten.
  • …Unsummen an Übergangsgeldern und Abfindungen kassieren, selbst dann, wenn sie wegen Unfähigkeit aus dem Amt fliegen.
Ich denke, wer sich so verhält, sollte mit Worten wie “Arroganz”, “Zynismus” und “Realitätsverlust” ganz vorsichtig umgehen. Vor allem, wenn sie sich dabei auf Personen beziehen, die sich ihre Gehälter NICHT von der Allgemeinheit finanzieren lassen !!!

Ach ja, noch etwas: Herr Esser wohnte damals ja in Deutschland und ist nicht wegen Steuerhinterziehung angeklagt.

Da stellt sich mir doch die Frage, wieviel von den “unmoralisch” kassierten 30 Mio DM brutto sind bei einem Spitzensteuersatz von fast 50% in die Kassen derer gegangen, die sich jetzt öffentlichkeitswirksam darüber aufregen und was wurde wohl damit finanziert ? Ein paar überhöhte Politikerpensionen ?? Oder vielleicht neue Freiflüge nach Brasilien ???

Aber was soll’s – Pecunia Non Olet – Stimmt’s Herr Scholz ?

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“… alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.” – Art. 20,2 GG

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